Was bedeutet „queer“ für die LGBTQIA+ Community und wie widersprüchlich ist dieser Begriff mittlerweile geworden? Ein Begriff gegen Schubladen wird in den Medien und im Alltag selbst zur Schublade.
Es ist Regenbogenparade, es ist Pride Month, es ist Eurovision Song Contest. Bunte Fahnen auf dem Bildschirm. In den Medien wird immer fleißiger berichtet: Queer dort, queer hier. Doch was queer bedeutet, wird nicht klar. Ist es ein Codewort für Party? Oder doch Sammelbegriff für alle, die binäre Ordnungen ablehnen? Konservative Meinungen benutzen queer als gut funktionierendes Feindbild. Die Werbung verkauft queer hingegen als spaßiges und buntes Erlebnis. Queer scheint selbst in der Kommunikation quer zu liegen.

Die Frage, was queer bedeutet, ist nicht neu. „Ungewöhnliche“ Sexualität oder Geschlechter gab es lange bevor sie benannt oder in Kategorien gepresst wurden. Der Drang, sie einzuordnen, ist jedoch historisch gewachsen. Der französische Philosoph Michel Foucault verortet diese Entwicklung im Viktorianischen Zeitalter (1837-1901). Seitdem werden Sexualität und Geschlecht immer mehr kategorisiert und normiert, sowohl von innen als auch von außen. Der immer weiter ausdifferenzierte Farbencode der Regenbogenfarbe illustriert diese Dynamik ziemlich direkt. Aber sie setzt sich auch in der medialen Fremddarstellung fort. Wie Medien über Sexualität und Geschlecht schreiben, beeinflusst die gesellschaftliche Wahrnehmung ebenfalls.
Wie queer verwendet wird, betrifft vor allem die LGBTQIA+ Gemeinschaft. Um der Diversität dieses Spektrums gerecht zu werden, kommt in diesem Artikel für jeden Buchstaben des LGBTQIA-Akronyms eine Person zu Wort. Zumeist sind sie in entsprechenden Interessensverbänden aktiv oder setzen sich individuell für LGBTQIA+ Themen ein. Dabei werden verschiedene Perspektiven sichtbar. Manche von ihnen halten queer für ein Modewort mit Ablaufdatum. Andere sind von der Nachhaltigkeit des Wortes überzeugt. Es fehle schließlich auch an Alternativen. Die trans*-Aktivistin Steffi Stankovic beispielsweise findet queer als Schutzraum im Alltag praktisch. Ein Wort genügt und sie muss nicht weiter über ihre Identität sprechen, wenn sie keine Lust dazu hat.
Während Berit von Acearo.at queer als „Megalabel“ verwendet, schwören andere auf eine ausschließlich politische Verwendung. Diese Unklarheit stelle zugleich auch eine Gefahr dar, glaubt Michael Keitsch von der bisexuellen Vereinigung VisiBi*lity Austria. Die Kontrolle über das Queer-Narrativ gehe der LGBTQIA+ Gemeinschaft verloren. Medien haben den Begriff für sich entdeckt und beeinflussen mit ihrer Berichterstattung die Selbstwahrnehmung von LGBTQIA+ Personen. Dadurch werden auch innerhalb der Community Grenzen sichtbar.
Bin ich queer genug?
Queer zu sein ist nicht nur eine Frage der Selbstzuschreibung, sondern auch eine Frage der Lesbarkeit durch andere. Michael Keitsch beobachtet, dass diesbezüglich manche Spektrumsgruppen mehr Aufmerksamkeit als andere bekommen. Tinou Ponzer im Vorstand des Vereins Intergeschlechtlicher Menschen Österreich (VIMÖ) erklärt, dass inter*, trans* und non-binäre Personen in der Berichterstattung über Queerness oder LGBTQIA+ oft vergessen werden. Der Fokus liege auf der Sexualität. Doch auch dort gibt es Unterschiede in der Sichtbarkeit. Bisexualität und Asexualität bleiben in der Regel ebenfalls unbeachtet. Berit und Anna sind Teil von AceAro.at, dem österreichischen Verein für die Vernetzung von asexuellen und aromantischen Menschen. Sie beobachten, dass das A in LGBTQIA+ oft weggelassen wird. Sich als queer zu bezeichnen, fällt ihnen deshalb schwer.
Die Möglichkeit des „passing“, also die Praxis, den heteronormativen Standards rein oberflächlich zu folgen, erschwert die Zugehörigkeit zur queeren Community, die über Sichtbarkeit funktioniert. Unsichtbarkeit kann im Alltag aber auch vor Diskriminierung schützen
Divided by Queerness
Eine geschlossene Gemeinschaft wird unter diesen Umständen schwierig. Dr. Raz Ion, Gründer des Magazins GAY45, stellt die zunehmende Verwendung zusätzlicher Buchstaben infrage und ist der Meinung, dass der Begriff „queer“ bereits ausreichend inklusiv ist. Spezifischere Labels könnten zwar nützlich aber auch limitierend sein. Ion spricht nicht nur deshalb lieber von einer „Mikrogesellschaft“ als von einer „Community“. Er hält diesen Begriff für wissenschaftlich präziser.
Diese Zerfaserung wird nicht nur innerhalb der Community sichtbar, sondern durch mediale Darstellung zusätzlich verstärkt.
Bunte Bilder, bunte Kurven
Wenn Medien über Queerness berichten, kommt es oft zu Missverständnissen und irreführenden Verallgemeinerungen. Das ist kein Zufall: Journalistische Methoden verlangen nach Vereinfachung, nach klaren Bildern und schnell erfassbaren Geschichten. Komplexität, Widersprüche und uneindeutige Identitäten lassen sich schwer erzählen und noch schwerer bebildern. Die stereotypen Abbildungen verengen den Begriff zudem auf äußerliche Erscheinungen.

© Martin Darling
Mit diesem Schubladendenken wollen viele Personen aus dem LGBTQIA+ Spektrum nichts zu tun haben, so Julian Wiehl von der Initiative Queer Media Literacy: Das Vertrauen zwischen der LGBTQIA+ Gemeinschaft und den Medien ist daher gering. Um eine stärkere Vernetzung zu schaffen, gründeten Julian Wiehl und Yavuz Kurtulmus Queer Media Literacy. Sie wollen zwischen Medienschaffenden und der Community vermitteln. Es brauche mehr Ansprechpersonen und manchmal auch Orientierung bei der Berichterstattung über queere Themen. Wiehl geht es dabei ebenso darum, eines der häufigen Missverständnisse über Sexualität zu klären. Das oft erwähnte Spektrum der Sexualität ist wissenschaftlich bestätigt, wie Julian Wiehl gerne betont. Sexualität laufe nicht „straight“, sondern in Form einer Kurve.

Nicht-heterosexuelle Orientierungen sind damit also kein Randgruppenphänomen, sondern in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Queer sollte entsprechend auch in den Medien nicht als Nischen-Thema behandelt werden. Also nicht nur am Tag der Regenbogenparade oder während des ESC, sondern in alltäglichen Bereichen des Lebens sollte queer sichtbar gemacht werden. Schließlich sei es ja auch dort zu finden.

Die Medien haben einen großen Fehler in der Frage der Repräsentation von Queerness gemacht
Julian Wiehl
Rechte Kräfte und gefährdete Rechte
Die LGBTQIA+ Gemeinschaft könnte die Hilfe der Medien zurzeit gut gebrauchen. Zunehmende politische und staatliche Anfeindungen sind im Osten Europas oder den Vereinigten Staaten üblich geworden. Zoe Gudović ist lesbische Aktivistin und Künstlerin. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie in Belgrad. Sie beschreibt es als tägliche Anstrengung und Kampf, ihre lesbische Identität in Serbien öffentlich zu leben. Seit drei Jahren lebt sie nun in Wien. Von einem politischen Kampf bekomme sie in Österreich nicht viel mit. Und das obwohl bereits im ungarischen Nachbarland die Pride von Seiten der Regierung verboten wurde. Österreich und Ungarn sind nach einem ILGA-Ranking von 2024 ähnlich unfreundlich gegenüber LGBTI+ Personen eingestellt.

Während in westeuropäischen Städten über Begriffe, Sichtbarkeit und Repräsentation diskutiert werde, gehe es in anderen Teilen der Welt um grundlegende Sicherheit und Überleben, so Gudović. Je nach politischem und gesellschaftlichem Umfeld nimmt queer eine völlig andere Bedeutung an. Die in Österreich führende Partei FPÖ ist ein klarer Gegner von Queerness und LGBTQIA+ Rechten. Die Bedrohungslage ist also auch in Österreich real. Gudović beobachtet mit Besorgnis, dass der Kampf in vielen europäischen Ländern weichgespült werde.
Francis Wagner von der Universität Wien beobachtet ebenfalls einen Rückgang der politischen und aktivistischen queeren Bewegungen in den 00er und 10er Jahren. Doch das Blatt könnte sich wenden. Wagner ist Sprecher der AG Gender/Queer Studies und Medienwissenschaft und beobachtet ein politisches Comeback des Queer-Begriff. Durch die antiqueere Strömung in konservativen Parteien – zu erwähnen hier besonders Jens Spahn (CDU) und Alice Weidel (AFD), die sich trotz ihrer Homosexualität vom Begriff „queer“ prominent distanzierten – sei das aktivistische und politische Potential wieder am Erwachen.
Stärke durch Offenheit

Queer hat wieder mehr politische Bedeutung
Francis Wagner
Dieses Potenzial liegt vor allem darin, neue Verbündete zu gewinnen. Diskriminierung wirkt oft nicht nur entlang einer einzelnen Kategorie, sondern entsteht an ihren Schnittstellen – etwa in Bezug auf Geschlecht, Sexualität, Herkunft oder Körper. Die US-Juristin Kimberlé Crenshaw beschreibt dieses Zusammenspiel als Intersektionalität. Das gesammelte Spektrum von Queer greift diese Idee forciert auf und gewinnt dadurch an politischer Bedeutung.
Bei den jungen Menschen in Österreich scheint das Anklang zu finden. Laut der Ö3-Jugendstudie von 2024 identifizieren sich 19 % der Gen Z als queer. Gleichzeitig nehmen männliche Jugendliche vermehrt konservative Einstellungen an. Ein Grund ist, dass queerer Aktivismus natürlich auch bestehende Machtverhältnisse – etwa die privilegierte Stellung weißer heterosexueller Männer – bedroht.
Queer polarisiert. In der Theorie versteht sich Queer als ein gerechter Kampf der offenen Vielfalt gegen heteronormative Kategorisierungen. In der Praxis stößt queerer Aktivismus allerdings auf gesellschaftliche Gewohnheiten. Menschen werden ständig eingeordnet und bewertet – ganz unabhängig davon, wie sie sich selbst definieren. Die theoretische Offenheit des Begriffs trifft damit auf eine soziale Realität, die nach Eindeutigkeit verlangt. Zwischen diesen beiden Welten entsteht ein Spannungsfeld, in dem sich viele der interviewten Personen wiederfinden: Irgendwo zwischen Konzept und gelebter Erfahrung.
Wer hat Angst vor Queerness?
Was echt ist, ist der Hass und die Angst. Nach Umfragen der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte haben 2023 in Österreich 60 Prozent der befragten Personen aus dem LGBTQIA+ Spektrum persönliche Diskriminierung oder Belästigung erfahren. Scibbie, selbst non-binär, nimmt wahr, dass vor allem bei sensationellen oder polarisierenden Ereignissen queere Themen in die Timeline kommen. Die Eltern von Scibbie sind nicht aus Österreich. Nicht nur deshalb wünscht sich Scibbie mehr Berichterstattung über queere Menschen mit Migrationserfahrung. Gerade diese Menschen erleben oft von mehrfacher Seite Diskriminierung.
Wie können Medienschaffende es besser machen? Tinou Ponzer plädiert für faktenbasierte Berichterstattung. Die Expertise könne dabei auch bei den betreffenden Menschen selbst liegen. Ponzer beobachtet, dass zu LGBTIQ-Themen in den Medien jedoch oft andere zu Wort kämen, die dann über die Menschen sprechen. Bei größeren Medien gäbe es ein generelles Probleme mit Stigmatisierung, fehlendem Wissen, Pathologisierung und Polarisierung. In den Medien sollten die betreffenden Personen daher selbst in den Fokus gerückt werden. Jedoch weniger als Einzelpersonen und mehr als Gruppen, so Ponzer. Denn sonst entstehe die Wahrnehmung, dass eine Person nur dann queer ist, wenn sie so wie die eine Person in der Zeitung aussehe oder deren Lebenserfahrung teile. Medien sollten vermehrt offen reflektieren, dass queer auf die eine oder aber auch die andere Weise gelebt werden kann.
Um stereotype Schubladen zu schließen, braucht es nicht nur einen festen Ruck, sondern auch medienpolitisches Umdenken. Die Mehrdeutigkeit des Queer-Begriff ist keine Schwäche, sondern Ausdruck von Vielstimmigkeit. Queer stört und das soll es auch. Klare Definitionen von Geschlecht und Sexualität sind Werkzeuge eines heteronormativen Baukastens, in dem Queerness keinen Platz hat. Aufgrund der sich polarisierenden politischen Weltlage wird es essentiell, dass Gender und queere Begrifflichkeiten inklusiver und zugänglicher für alle werden. Auch für jene, die sich selbst nicht dazu zählen. Medien sind dabei als Orte der Verbindung besonders gefordert.