
„Bist das du?“
Zoe Gudović ist noch ein Teenager, als ihr Vater ihr in den 1990er-Jahren in Belgrad einen Zeitungsartikel zeigt. Darin erzählt eine Frau von ihrer Liebe zu anderen Frauen. Gudović sagt sofort: Nein. Sie sei nicht lesbisch. Sie verstehe das nicht.
Als Frau aufzuwachsen bedeutete für sie schon damals, nicht wirklich akzeptiert zu werden. Eine lesbische Frau umso weniger. Diese Ablehnung hatte sie damals verinnerlicht. Sie lesbisch? Auf keinen Fall. Lange Zeit glaubt sie asexuell zu sein.
Erst 1999 findet Zoe Gudović zur Liebe. Auf Belgrad werden zu dieser Zeit Bomben aus US-amerikanischen Flugzeugen geworfen In ihrer Wohnung finden hauptsächlich lesbische Freundinnen Unterschlupf. Trotzdem empfindet sich Gudović nicht als lesbisch. Kurz darauf klopft es und an der Tür steht die Frau, mit der sie die nächsten zwanzig Jahre zusammenbleibt. „Ich schätze mich glücklich, dass ich so zu meiner lesbischen Identität gefunden habe. Serbien ist ein sehr patriarchales, homophobes Land. In anderen Ländern werden Menschen nach ihrem Coming Out bestraft. Eltern schmeißen ihre Kinder deshalb aus dem Haus.“, sagt Gudović heute.
Homosexualität fand in Serbien lange Zeit nur in verdeckten Rahmen statt. Während Schwule für Sex auf anonymes „Cruisen“ in Parks gehen konnten, hätten Lesben historisch ihre Liebe durch Gespräche und in privaten Räumen finden müssen. Gudović tritt in diese Welt als laute und protestierende lesbische Stimme ein und wird deshalb regelmäßig angefeindet. Sie verteidigt ihr Recht als Lesbe bis zum Europäischen Gerichtshof. Die Diskriminierung wurde deshalb nicht weniger.
Nach vier Jahren in Wien vermisst sie noch immer sichtbare Räume für lesbische Frauen. Ob es sie überhaupt gibt, weiß sie nicht.
„Lesben haben keine Nationalität“, sagt Gudović. Es seien nicht Grenzen, die sie verbinden, sondern gemeinsame Erfahrungen: ihre Körper, ihre Kämpfe, ihr Widerstand. Gerade in nationalistisch geprägten Gesellschaften stehe diese Identität unter Druck. Sie passe nicht in starre Vorstellungen von Nation und Geschlecht. Hinzu kommen stereotype Bilder: lesbische Frauen würden oft sexualisiert oder auf Fantasien reduziert, statt als eigenständige Menschen wahrgenommen zu werden.
Gudović versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Sie hat ein Buch über lesbische Künstlerinnen im ehemaligen Jugoslawien veröffentlicht und in öffentliche Bibliotheken gebracht – als bewussten Eingriff in einen männlich geprägten Kanon. Auch mit ihrer wöchentlichen Sendung auf Radio Orange sorgt sie für mehr lesbische und feministische Sichtbarkeit. Darauf ist sie stolz. In den Medien sieht und hört sie heute mehr homosexuelle Personen und deren Geschichten, die in Ordnung sind, so wie sie sind.